Carl-Fuhlrott-Gymnasium
  Das pubertierende Klassenzimmer

Der folgende Text ist ein Auszug aus der Reportage "Das pubertierende Klassenzimmer" der Zeitschrift Spiegel Wissen, Heft 2/2010
(bibliographische Angaben).

Am Carl-Fuhlrott-Gymnasium in Wuppertal sollen die Schüler der siebten Klasse lernen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. An einem Freitagmorgen steht die Erlebnispädagogik auf dem Stundenplan. Svenja, 12, und Christopher, 13, bilden eines der Teams, gemeinsam sollen sie mit verbundenen Augen Parcours in der Sporthalle überwinden, die ihre Klassenkameraden aus Matten, Bänken und Turngeräten aufgebaut haben. Zwar haben die beiden den gleichen Schulweg - so richtig warm geworden miteinander sind sie aber noch nicht, gestehen sie sich ein. „Ein bisschen genervt bin ich von Chris schon", sagt Svenja. „Weil er mich immer mit Schneebällen bewirft."
Christopher, der neben ihr sitzt, grinst. Das ungleiche Paar muss nun unzertrennlich sein; Christophers rechte Hand und Svenjas linke sind mit einem gelben Stoffband verbunden, beide ziehen ihre Augenbinden die Stirn hinunter, so dass sie sich auf ihren Hör- und Tastsinn verlassen müssen.
„Die Schüler sollen ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie sich ihrer Rolle angemessen verhalten", sagt Sportlehrer Ekkehard Sachse, 41. Dreimal hat er Schulklassen bereits in die Eifel gebracht, um dort Abenteuersport zu erproben. Am Carl-Fuhlrott-Gymnasium ist er einer von fünf Lehrern, die auf Erlebnispädagogik spezialisiert sind, und er bietet wöchentlich psychosoziale Aktionen für Klassen an. Sie werden ihm von einer Schulkoordinatorin zugeteilt, er soll sie „auf Vordermann bringen", wie er sagt.
„Während der Pubertät beobachten wir, dass die Jugendlichen entweder verschlossener werden, gerade die Mädchen. Oder so viel Energie haben, dass sie sich schwer damit tun, sich auf Einzelnes zu fokussieren." Jeden Dienstag unterrichtet er zudem eine Gruppe von acht Jugendlichen, „da ist das Thema Mobbing ein großes Problem".
Immer haben Sachses Aktionen sportlichen Charakter. Wenn die Klassengemeinschaft gestärkt werden soll, dürfen es auch mal ganz einfache Übungen sein. „Dann müssen die Schüler zum Beispiel nur eine große Matte gemeinsam bewegen, oder sie tragen mich mit vereinten Kräften auf den Händen." Im Mittelpunkt der Erlebnispädagogik stehen außerdem der eigene Körper und das Selbstwertgefühl der Jugendlichen. „Wenn die Schüler merken: Ich kann ja auch was', sind wir auf dem richtigen Weg", sagt Sachse.
Das Wuppertaler Carl-Fuhlrott-Gymnasium bietet viele solcher Maßnahmen an. Ähnlich wie in der Offenen Schule Waldau beginnen sie bereits in den unteren Stufen. „Wir wollen früh bei den Schülern Motivation schaffen, damit wir später auch Durststrecken überstehen", sagt Schulleiter Karl Schröder.

Ein wichtiges Angebot ist die individuelle Förderung, die Lehrer und Oberstufenschüler in der hauseigenen Bibliothek offerieren. Die Hilfe erfolgt sehr gezielt. „Ein Schüler bekommt also nicht gleich Unterstützung für das gesamte Fach Mathe, sondern beispielsweise nur für die Bruchrechnung, weil es für ihn überschaubar bleibt", erklärt Schröder. Daneben gibt es Angebote, die über den normalen Unterricht weit hinausgehen.
Auf der Bühne des Theaterraums im ersten Stock steht Prinzessin Agathe an ihrem Balkon, den die Requisite aus ein paar Holzpfeilern andeutet. „Halt inne mutiger Ritter, mein tapfrer Recke", schmachtet die Zwölfjährige den Blondschopf an, der vor ihr auf und ab trabt und mindestens einen Kopf kleiner als die Prinzessin ist.
Beim Theaterkurs „Pfiffikus" schauspielern Schüler aus sieben verschiedenen Klassen der Mittelstufe. „An unserem Kurs nehmen Kinder teil, die Lust haben, sich auszuprobieren und in völlig andere Rollen zu schlüpfen", sagt die Theaterleiterin Gertrud Allhoff.
Ein Unterstufenschüler, der sich hier problemlos einzufügen scheint, fällt in seiner Klasse immer wieder auf. „Ihm fehlt noch die Sensibilisierung dafür, dass er mit anderen Schülern gut klarkommen muss", sagt Allhoff. Hier habe er die Möglichkeit sich auszutoben. Das tut er ganz offensichtlich, rast über den blauen Teppich und wirft sich auf die Knie. Was ihm Spaß bringe an dem Kurs? „Na, das Rumlaufen. Und dass dich keiner doof anguckt, deshalb komme ich immer wieder gerne hierher", sagt der Schüler.
„Außerdem gibt es noch einen weiteren Grund", gesteht er und schaut etwas verlegen zu Boden. „Natürlich liegt's daran, dass hier das Mädchen mitmacht, in das ich verknallt bin!'

Bibliographische Angaben
Autoren Leon Scherfig, Markus Verbeet
Titel Das pubertierende Klassenzimmer (Auszug)
Quelle In: Spiegel Wissen, Heft 2/2010: Pubertät, S. 96-97.

 

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