Carl-Fuhlrott-Gymnasium
  Fördern mit Weitblick, hoch über Wuppertal

Paul Berning kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er von dem Moment erzählt, in dem ihm so richtig bewusst wurde, was er da tat. Es war dieses eine Wort, das eine beeindruckende Wirkung zeigte. Der 18-Jährige sagte schlicht "Ruhe!" - und plötzlich verstummten die Schüler, die vor ihm an den Computern saßen. Wie seltsam, dachte er. Schüler, die auf ihn hören. Dabei war er doch selbst nur ein paar Jahrgangsstufen über ihnen. Doch nun stand er vor ihnen, vor all diesen vielen Augenpaaren. Ein magischer Moment, denn nun war er der Lehrer, nun sagte er, wo es lang geht. Mit zwei Mitschülern, die wie er sonst die 12. Jahrgangsstufe besuchen, leitet Berning am Carl-Fuhlrott-Gymnasium (CFG) in Wuppertal Computerkurse, bringt Schülern der unteren Jahrgangsstufen zum Beispiel die Programmiersprache html bei.


Ältere unterstützen jüngere Mitschüler

Mit 18 schon Lehrer? Berning beschreibt sich eher als Tutor: "Wir zeigen ihnen nur, was möglich ist. Machen müssen sie es dann selbst." Nach den ersten beiden Jahren als "Schüler-Pauker" ist sich Berning sicher: "Man lernt bei Schülern einfach anders als bei Lehrern." Der Umgang sei viel direkter und freundschaftlich: "Die müssen bei uns ja nicht die Tafel putzen, nur weil sie was nicht verstanden haben.", sagt er und ergänzt im Spaß, "eigentlich könnten wir so etwas ja mal einführen." Sie lachen. Ein paar Klassenräume weiter steht Daniela Engels aus Klasse 10 an der Tafel. Sie hilft vier Mädchen aus der 8. Klasse im französischen Satzbau, sie ist "Insulanerin". Das heißt aber nicht, dass sie etwa auf der faulen Haut liegt, im Gegenteil. Wer als Schüler am CFG eine Förderinsel leitet, nimmt freiwillig und unentgeltlich Mehrarbeit auf sich. Förderinseln sind Lerneinheiten, die je nach Bedarf in kleinen Gruppen ein eng umgrenztes Thema in einem überschaubaren Zeitrahmen von vielleicht sechs bis acht Stunden behandeln und vertiefen. Dabei geben die Älteren ihr Wissen an die jüngeren Schüler weiter. Der Vorteil: Mit Förderinseln lässt sich zeitnah und ohne große Bürokratie in kleinen Portionen auf kurzfristigen Förderbedarf reagieren. Und dass Schüler Schülern helfen, das ist nun mal so am CFG - gewollt und erfolgreich.

Nachhilfe von außen? "Das können wir besser."
"Eine Förderung außerhalb der Schule ist nicht mehr nötig, denn wir glauben, dass wir das mit den entsprechenden personellen Ressourcen selbst besser können", sagt Schulleiter Karl W. Schröder, und es klingt ein Selbstbewusstsein durch, das neugierig macht auf jene Schule, die nicht nur aufgrund ihrer geographischen Lage - auf einem Hügel über Wuppertal - einen unvergleichlichen Weitblick genießt. Das CFG, das kürzlich mit dem Gütesiegel Individuelle Förderung des Landes NRW ausgezeichnet wurde, hatte bereits früh erkannt, dass es auch in Gymnasien auf diese spezielle Form der Förderung ankommt. Als eines der ersten entwickelte es 1998 ein umfassendes Konzept, das seither - unter der Leitung von Dr. Frank Schneider - auf Begabungsförderung ausgerichtet ist. Folglich verfügen die Pädagogen am CFG inzwischen bereits über langjährige Erfahrungen mit Förderinstrumenten, die viele andere Schulen erst jetzt allmählich entdecken und einführen. So gehört die betreute Verkürzung der Schulzeit einzelner Schüler seit Jahren schon genauso zum Schulprogramm wie das erweiterte Lernen in Arbeitsgemeinschaften. Auch die Zusammenarbeit mit Universitäten und das Fördern nach dem Drehtürmodell, also das vorübergehende Ausklinken von Schülern mit einer besonderen Begabung aus dem Unterricht, um sie an Projekten selbstständig arbeiten zu lassen, ist fest integriert.

Doch was für den einen die Dreh-, ist für den anderen die Glastür, die Glastür zur Bibliothek: Als wir beim Rundgang durch die Schule die Bücherei ansteuern, sitzen auf dem Flur auffallend viele Zweier- oder Dreiergrüppchen an den Tischen. Es ist inzwischen nachmittags, und dennoch machen die Schüler nicht den Eindruck, als wollten sie schnell nach Hause. Sie geben einander Nachhilfe, die Schule hat den Kontakt wie eine Agentur vermittelt, lässt die Schüler hier auch gerne arbeiten, hält sich ansonsten aber aus diesem Lernangebot heraus. "Wenn sich unsere Schüler gegenseitig Nachhilfe geben, dann hat das eine beachtliche Zielgenauigkeit, weil die Schüler in der Oberstufe nun mal die Lehrer kennen, die in der Unter- und Mittelstufe unterrichten", sagt Schulleiter Schröder. Schüler, die eine Förderinsel wie etwa die zum französischen Satzbau geleitet haben, werden bei der Vermittlung von Nachhilfeschülern bevorzugt. Dass das CFG dies mit ruhigem Gewissen tun kann, dafür hat es gesorgt. "Die Schüler, die eine Förderinsel anbieten, bereiten wir im Vorfeld in einem kleinen Seminar vor, wo sie ein paar methodische Grundlagen kennen lernen und in Rollenspielen schwierige Situationen ausprobieren. Sie müssen ja schließlich ihre Rolle als Schüler-Lehrer erst einmal finden", sagt Angelika Fabian, Leiterin des Zweiges unterstützende Förderung, den es seit 2003 am CFG gibt. Als die Schule zum ersten Mal Schüler der Klasse 10 und der Oberstufe als Leiter für Förderinseln suchte, war die Sorge natürlich groß, dass sich niemand für die unbezahlte Mehrarbeit melden würde; letztlich aber gingen über 90 Bewerbungen ein.


Für individuelle Förderung nimmt man sich am Carl-Fuhlrott-Gymnasium Zeit

Schüler müssen Antrag auf Förderung stellen
Daran liest das Kollegium am CFG ab, dass es durchaus ein Bedürfnis der Schüler ist, sich aktiv einzubringen. Und auch die Schüler, die durch eine Förderinsel eine Schwäche "ausbügeln" wollen, nehmen das Angebot gerne an. "Das ist für die Schüler keine Strafe, zumal sie ja auch nur für eine überschaubare Zeit mal eine Stunde früher aufstehen müssen", sagt Fabian. Grundprinzip der Förderung am CFG ist es, dass die Schüler freiwillig mitmachen. Sie müssen offiziell zustimmen und mit ihren Eltern auch einen förmlichen Antrag auf Förderung stellen. Das soll den Wert der Förderung unterstreichen. Aus einem ganzen Pool von Instrumenten, in dem auch soziale Fördermaßnahmen stecken, wählt das CFG dann das passende: Spielt ein Schüler zum Beispiel ewig den Klassenclown oder Einzelkämpfer, erfährt er im Förderangebot "Abenteuersport und Erlebnispädagogik", wie wichtig es ist, anderen zu vertrauen und sich auf sie verlassen zu können. Oder hat eine Schülerin Schwierigkeiten, sich selbst richtig einzuschätzen, liegt die spezielle Theaterarbeit des CFG nahe, in der es weniger darum geht, am Ende des Schuljahres ein Stück auf die Bühne bringen zu können, sondern in der es vielmehr darauf ankommt, die eigene Rolle ständig zu reflektieren. Doch natürlich gibt es auch die klassische Förderung, wenn nämlich neuer Unterrichtsstoff Probleme bereitet und am besten ein Lehrer helfen kann. Das heißt dann am CFG "Förderplanarbeit": Schüler ackern eigens zusammengestellte Lernmappen zur Vertiefung durch und können sich dabei immer wieder an eine Lehrkraft wenden, die sich in Reichweite aufhält. "Das Grundziel ist, dass wir nur die Impulse für ein eigenständiges Lernen geben können", so Fabian. Dass es diese ausgefeilten Förderinstrumente am naturwissenschaftlich-neusprachlichen Gymnasium gibt, ist das Ergebnis jahrelanger Schulentwicklungsarbeit, die auch heute noch weitergeführt wird. "Das ist nicht aus dem Nichts zu machen. Es muss das Bewusstsein entstehen, dass man die Schule klar positionieren möchte", so Schröder. Und dies sei nur zu leisten, wenn alle mitziehen - vor allem auch das Kollegium. "Wir haben auch nie sofort ein großes Programm umgesetzt, sondern immer viele kleinere Veränderungen ausprobiert, um auch mal nachjustieren zu können", ergänzt Fabian.

Soviel Innovationsfreude spricht sich herum. Die Schule kann sich vor Neuanmeldungen kaum retten, richtet regelmäßig sechszügige Jahrgänge ein und muss sogar einige Schüler ablehnen, weil sie an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. "Das ist der schwierigste Teil meiner Arbeit", gesteht Schröder. Neulich habe sich eine Mutter über die Schule informiert. "Sie hatte einen so positiven Eindruck, dass ihr das schon verdächtig war", erinnert sich Fabian. Letztlich habe sie dann Schüler des CFG in der Pause angesprochen und gefragt, wie sie denn ihr Gymnasium finden. - Die Antworten waren eindeutig. Positiv.

Text und Fotos: Mark Raschke
schulministerium.nrw.de
, 20.9.07
zum Originalbeitrag auf den Seiten des Schulministeriums

Weiterführende Links
Bericht der Wuppertaler Rundschau: "Individuell fördern bringt's" (17.6.07)
Events: "Ministerin Barbara Sommer im Dialog vor Ort am CFG" (31.5.07)
Bericht der Wuppertaler Rundschau: "Viel gemeinsam lernen - CFG ausgezeichnet" (1.3.07)
CFG erhält „Gütesiegel Individuelle Förderung“ (3.2.07)
Förderung am Carl-Fuhlrott-Gymnasium (Übersicht)
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